Ich will aber

„Ich will aber!“ schreit es aus dem Gang, welcher die Überschrift „Süßwaren“ trägt.  „Ich will auch vieles…“ denke ich spontan, während ich gleichzeitig darüber sinniere ob man „Süßwaren“ nach der allerneuesten Rechtschreibreform nicht mit „ss“ schreibt. Ich komme zu dem Entschluss, dass dies mittlerweile eine „kann“ – Regelung ist, ich es aber mit „ß“ schreiben würde, weil „ss“ deutlich unästhetischer aussieht.

Ein erneutes „Ich will, ich will, ich will aber!“ holt mich schlagartig in die Realität zurück. Jetzt will ich auch. Wissen was los ist nämlich. „Ich wollte ja eh noch was süßes“ rede ich mir ein und mache mich auf den Weg. Alles das, was ausgeklügelte Marketingstrategien nicht geschafft haben, schafft jetzt eine quengelnde Kinderstimme. Man sollte Kinderarbeit in Shoppingcentern forcieren.

Vorbei an Hygieneartikeln, Hundefutter und Katzenstreu steuere ich das Süßwaren Areal an. Leider nicht so zielstrebig, wie ich das gerne hätte, da ich wieder einmal sämtliche waagrechten Körperteile mit Einkäufen vollgestapelt habe. Nun fällt „Einkäufe darauf stapeln“ beim menschlichen Körper leider unter Zweckentfremdung, was dazu führt, dass ich in eher torkle und dabei krampfhaft versuche mein Gemüsen nicht auf dem Boden zu verteilen. Passend dazu passiere ich die Weinregale, biege um die Ecke und vor mir erstreckt sich der Süßwaren Gang.

„Sie hat einen Einkaufswagen“ ist das erste, was mir durch den Kopf schießt „ob es wohl für Unmut sorgt, wenn ich meine Einkäufe einfach dazulege? Car-Sharing soll gerade schwer in Mode sein…“

Sie ist übrigens eine Frau mittleren Alters, auch wenn sie sich wirklich Mühe gibt, ihre 45 Jahre unter getönten Haaren und einer Gipsschicht an Kosmetik zu verstecken. So ist eine gewisse Ähnlichkeit, zwischen dem Verputzen einer Hauswand und ihrem morgendlichen Badezimmeraufenthalt mit Sicherheit nicht sehr weit hergeholt. An der Hand hält sie ein Kind. Also an der linken. Rechts schiebt sie meinen zukünftigen Einkaufswagen.

„Aber Jean-Luc, wir haben…“ den Rest nehme ich nichtmehr wahr. JEAN LÜÜÜC! Brüllt es in meinen Ohren und ich hoffe inständig, dass Jean-Luc sich für diese Namensgebung mit einer schallenden Ohrfeige rächt. Tut er nicht. Schade.

Wer bitte nennt sein Kind wie eine Mischung aus einem französischem Weingut und einem deutschem Pornodarsteller mit französischen Wurzeln? Mobbing kann gar nicht jeden treffen, gibt es einen Jean – Luc in der Klasse, beschränkt sich die Anzahl der gefärdeten Kandidaten auf exakt 1. Liebe Pädagogen, Sozialwissenschaftler und besorgte Mütter, geht nach Hause. Es gibt einen Jean – Luc in der Klasse, Sie können ihrem Kind anziehen was Sie wollen, mobbing fällt heute aus.

Jean – Luc brüllt wie am Spieß, tränenüberströmt teilt er der frisch verputzten Frau mit, dass er aber Gummibären haben wolle. Gottschalk würde sich freuen, denke ich, während ich mich so unauffällig wie möglich an den Einkaufswagen heranpirsche, getrieben von meinen schmerzenden Unterarmen. Dort angekommen platziere ich mit vollkommener Selbstverständlichkeit meine Einkäufe neben einer Flasche Wein, Nagellack-Entferner und einem Mickey – Mouse Heft. Ich vermute, die Süßwaren Schlacht ist nicht der erste Kampf, den Jean – Luc heute führt. Laut Einkaufswagen steht es 1:0 für ihn. Allerdings wird er unterm Strich immer verlieren, dank seinem Namen.

Mittlerweile hat der Kleine bereits die Tüte in der Hand, er scheint sein Geschäft zu verstehen. „Maaaaaammaaaa“ brüllt er. Mama zischt wie ein undichter Reifen „Ssssssssssssst“ Ich vermute, sie will ihrem Opponenten verdeutlichen er solle ruhig sein, hat aber Angst, dass der Putz brökkelt, wenn sie ihre Lippen zu einem SCH formt. Diese Sorge ist in meinen Augen durchaus berechtigt. „Ich will Gummibären“ heult der Kleine „wir haben welche zuhause“ sagt die Gipsfrau „ich brauche Popcorn“ denke ich.

„Aber…“ fängt der Kleine an „nichts da“ unterbricht ihn die Gipsfrau „…oder Chips“ schließe ich meinen Gedankengang ab.

„Gummibären…“ stammelt Jean – Luc „wir gehen jetzt, alle Leute gucken schon“ sagt die Mama „Nö, nur ich und ich beobachte“ denke ich.

Während das Gips – Kind Duo einen Abschleppvorgang aufführt, welcher jeden ADAC Mitarbeiter vor Neid erblassen lassen würde, bleibe ich bei meinem Einkaufswagen zurück. Während ich mir überlege, ob ich den Wein behalten soll und gleichzeitig registriere, dass ich neben dem Einkaufswagen auch einen Euro erobert habe, sehe ich wie Jean – Luc mit einer Tüte Gummibären von der Kasse den Laden verlässt.

Manchmal muss man einfach nur wollen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s