„Die Ag Schnittchen bittet um…“

Ach ja, es war mal wieder Bundesparteitag der größten außerparlamentarischen Partei Deutschlands: Der Piraten. Jedoch gab es diesmal ein Novum: Ich war auch dabei.

– Der Erste Eindruck –

War sehr positiv. Gleich zu Beginn fiel mir die enorme Diversität der Anwesenden auf. Wer immer noch an das „wir werden von rechts unterwandert“ Märchen glaubt soll bitte auf einen Parteitag kommen und sich das Publikum selbst vor Augen führen. In einer Partei, die schon beim ersten Blick rein äußerlich so facettenreich auftritt kann intolerantes und menschenverachtendes Gedankengut keinen Nährboden finden!

Natürlich gab es auch einige äußerst skurrile Besucher, welche den Parteitag mehr oder weniger erfolgreich als Ort zur Selbstdarstellung interpretierten.

Die Medienpräsenz überraschte mich dann doch ein wenig. Dass einem Parteitag einer Partei, welche noch nicht einmal im Bundestag vertreten ist ein solches Interesse entgegengebracht wird, hätte ich nicht erwartet. Im Grunde war alles vertreten, was an Onlinemedien Rang und Namen hat, auch wenn man auf den ein oder anderen Bericht getrost hätte verzichten können.

– Die Medien –

Berichteten auch ausführlich über uns. Selbst auf der Heimreise dominierte unser Parteitag zusammen mit dem Vettel-Sieg die Berichterstattung, ein gleichzeitig stattfindender SPD Parteitag war vielen nur eine Randnotiz wert. Unterhaltsame Nebeninfo: Die Financial Times Deutschland verlegte unseren Parteitag per Schlagzeile kurzerhand nach Bonn [1]

Allerdings scheint ein Großteil immer noch nicht begriffen zu haben, dass die Veranstaltung trotz des Kabelsalats auf den Tischen eben keine Lan Party war, dass das anfänglich nicht vorhandene Wlan eher eine untergeordnete Rolle spielte, dass die Piraten mit irgendwelchen Kostümen auch nach politischen Themen befragt werden dürfen, auch wenn sie natürlich hervorragend ins „wie die Grünen damals, nur noch chaotischer und ohne Programm“ Bild passen. Wenn dann auch noch Martin Delius gefragt wird, ob es uns in einem Jahr noch gibt, fragt man sich, ob sich Dritte überhaupt informieren, oder einfach nur das Piraten-Klischee bedient haben wollen. Schade, denn abseits von dem ganzen oberflächlichen Medienrummels hat sich die Piratenpartei in Bochum eine Richtung gegeben, an die andere noch nicht einmal zu denken wagen.

– Das Programm –

Wurde entschieden erweitert. Inhaltlich möchte ich gar nicht weiter auf Details eingehen, die findet die Suchmaschine des Vertrauens auch ohne meine Beihilfe. Natürlich ist unser Programm auch jetzt noch nicht komplett und ich hege die leise Hoffnung, dass wir nie so überheblich werden zu behaupten, wir hätten auf alles eine konkrete Lösung. Viel bedeutender ist die Richtung, die unser Grundsatzprogramm jetzt schon weist. Als erste Partei Deutschlands haben wir uns über Alternativen zum wachstums- und leistungsorientierten Wirtschaftssystem gemacht, welches derzeit perverse Abnormalitäten wie Leiharbeit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit hervorbringt. Allein aufgrund der derzeitigen demographischen Entwicklung ist Vollbeschäftigung langfristig eine Utopie, wenn wir also nicht einen immer größer werdenden Anteil an Arbeitslosen aus unserer Gesellschaft ausgrenzen wollen müssen zwingend neue Perspektiven entwickelt werden. Keine der etablierten Parteien traut sich derzeit außerhalb dieses Konstrukts von Kausalitäten, das Finanzsystem, Wirtschaft und Politik derzeit bilden auch nur zu denken. So werden weiter Symptome bekämpft. Zu lasten eben jener, die das derzeitige System auf dauer unbarmherzig zermalmt: Arbeitslose, Immigranten, Pflegefälle, Leiharbeiter,….

Die programmatischen Entscheidungen, verbunden mit den teils sehr zermürbenden Debatten um jeden einzelnen Programmpunkt haben mich in diesen zwei Tagen immer wieder darin bestärkt, dass diese Partei, und zwar ausschließlich diese Partei, derzeit das Potenzial hat wirkliche Alternativen aufzuzeigen. Davon werden letztendlich alle profitieren.

– Die Mittel zur Meinungsbildung und zur Abstimmung  –

Sind bei der derzeitigen Mitgliederentwicklung Auslaufmodelle. Das hat der Parteitag sehr deutlich gezeigt. Stellt man an sich selbst den Anspruch jedem ein größtmögliches Mitspracherecht einzuräumen und möchte gleichzeitig effizient Arbeiten, muss man zwangsläufig einen Mittelweg finden. Die Erfahrung zeigt, dass die überwiegende Mehrheit willens ist, sich mit viel Engagement konstruktiv an der Meinungsfindung zu beteiligen. Schade, dass einige immer noch persönliche Interessen und private Streitereien über das Gemeinwohl stellen. An diesen Problemen werden wir unsere Effizienz in Zukunft messen lassen müssen, sei es bei einem dezentralen Parteitag, bei der Verwendung diverser Onlinetool wie LQFB oder Wikiarguments, oder aber bei einer ständigen Mitgliederversammlung.

– Die Sache mit den Zeitreisen –

Ja, diesem Antrag widme ich einen eigenen Absatz und zwar aus gutem Grund: Als die Mehrheit der Versammlung für die Änderung der Tagesordnung zugunsten des PA 582 [2] votierte, hob auch ich noch meine Ja Karte. Schließlich mag ich die Piratenpartei auch wegen der ihr innewohnenden Entropie. Außerdem war ein solcher Antrag eine willkommene Abwechslung zum sonstigen GO-Krieg. Als sich dann jedoch fast 50% für die Aufnahme in das Programm aussprachen, zweifelte ich massiv an meiner eigenen Partei. Dafür ist mir unsere politische Intention viel zu wichtig. Ich möchte mit meinem Namen nicht für eine Spaßpartei stehen. Ich gehe davon aus, dass ich diese Ansicht mit einer Mehrheit der Piraten teile.

– Zu guter Letzt –

Möchte ich mich hier nochmal ganz herzlich bei meinem „Taxi“ bedanken, ich hatte nicht erwartet so komfortabel und entspannt nach Bochum zu kommen. Außerdem sollte auch mal ausdrücklich auf die Arbeit des Presseteams, vor allem der @drachenrose hingewiesen werden, die neben aller Shitstormkultur regelmäßig für unsere PMs und Stellungnahmen sorgen, auch oder gerade während eines Parteitags ohne Wlan. Danke!

[1] http://www.ftd.de/politik/deutschland/:bundesparteitag-in-bonn-piratenpartei-beschliesst-eckpunkte-zur-wirtschaftspolitik/70121673.html

[2] http://wiki.piratenpartei.de/Antrag:Bundesparteitag_2012.2/Antragsportal/PA582

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Eine Antwort zu „Die Ag Schnittchen bittet um…“

  1. drachenrose schreibt:

    Danke – da werde ich ja ganz rot 🙂

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